Hanna Sukare (Wien, 2007)

Hier das Flugzeug, dort der Fisch, da die Semmel – lange war in Christine Gutgsells Bildern alles von allem fein säuberlich getrennt. Flugzeug, Semmel und Fisch zwar vereint auf Papier, Leinwand oder Jute, doch gehalten in Kompartimenten. Nur ein Semmelrand lehnt sich über die Sperrlinie, ein Flügel berührt angrenzendes Territorium. Zwei mal vier weiße Felder, vier von vier getrennt durch einen Mittelstreifen im Ton des Milchkaffees: die Straße der Herzen. Die Trennlinien geben den Bildern Struktur, Raum und Tiefe. Das Auge tastet ein Feld nach dem anderen ab, liest eine Bildergeschichte, findet im Lauf der Jahre einzelne Zeichen, die schon in frühen Arbeiten der 1980er Jahre als Randfigur zu sehen waren, im Zentrum eines Feldes wieder.

Ende der neunziger Jahre werden die Trennlinien selbst zum Thema in Christine Gutgsells Bildern. Figuren und Objekte verschwinden, grüne, weiße, orange, gelbe, braune Flächen treten hervor, unterbrochen nur durch deutlich abgehobene Streifen. Ein konsequenter Weg in die Monochromie?

Im Laufe der frühen zweitausender Jahre verschwinden die trennenden Streifen, die Segmentierung ist aufgehoben, alles wird eins. Farbe und Oberfläche müssen sich ungeschützt behaupten. Serien entstehen, die sich nach Farben benennen ließen: die Weiße, die Schwarze, die Grüne, die Graue, die Rosarote. Betrachtet man die Arbeiten einer Serie nebeneinander, formen die einzelnen Blätter gemeinsam ein neues großes Gemälde. Gras, Adern, Rauch, Weite, Haut, Rost, Wunden, Erde, Weiß von Weiß gekreuzt, Asche, Blut. Für diese Arbeiten greift der Begriff Monochromie zu kurz. Wohl ist da für ein Bild vielleicht nur eine Farbe verwendet, doch mit dieser einen Farbe schafft Gutgsell subtile Landschaften. Weder bekräftigen noch verdoppeln diese Bilder Schönheit und Schrecken der Welt. Sie spiegeln vielmehr das Wesen menschlichen Seins, ausgespannt zwischen Werden und Vergehen. Bewegung und Leichtigkeit, die diesen Bildern innewohnen, evozieren den Tuschetanz alter taoistischer Kalligraphen. Reduziert auf den Grundwortschatz der Malerei, erinnern die neuen Arbeiten Christine Gutgsells an das Sein jenseits von Flugzeug, Semmel und Fisch.

Getauchte Flamme - 2004 - Russ-und-Pigmente-auf-Papier - 10,5 x 15 cmGrünes Land II - 2008 - 29,9 x 40,5 cm