Im bortenschmalen blaugrünen Bildrand steht eine Figur. Fragmentiert, aber den Kopf aufmerksam erhoben, beobachtet sie das Wogen vor ihr: Wo beginnt ein Wesen, wo hört ein anderes auf`? Die Richtungen verwildern. Weiß, grün, blau, grau, rosa, lila, ocker, hellgelb, verschlungen, verwoben wie in einem Teppich. Kein Raum liegt zwischen den Wesen, die dieses Fresko bevölkern, jede Bewegung passt sich der nächsten an. Da sind Köpfe, Schnäbel, Schenkel, Nabel, Herzen, Arme, Röcke, Zungen. Eine weiße Figur, deren Leib in einen Fischschweif oder einen ewigen Fluss mündet, umschlingt einen Dunklen, geballt von Tatendrang. Sind die beiden das archetypische Paar, männliches und weibliches Prinzip, jedes gefesselt in sich selbst und an das andere? Über den beiden schwebt bäuchlings sinnierend ein Grauer. Die Bewegungen geschehen, Leben vollzieht sich, unaufhaltsam wie die Wellen der Ozeane. Vogelwesen flattern zwischen Leibteilen. Ein Teufel hockt nah einem Engel. Gelehrte Köpfe stieren auf gespreizte Frauenschenkel. Darüber tummelt sich unbeschwert übermütig Jugend. Wollüstig spielend zu zweit, dritt oder viert. Jedes Wesen windet sich einem anderen zu, sehnsüchtig nach dem eigenen Körper. Massen im Leben. Die Grenzen bestehen, kein Körper verwischt im anderen. Ein heller Dandy öffnet seinen LachsMantel wie ein Segel zum Surfen über die Bühne des Lebens. Da hängt eine allein gelassene Zunge oder ist’s Afrika? Auf der Höhe Namibias schiebt sich ein bebrillter Kopf hinein. Eine Überfülle von Figuren; Kippbilder, Metamorphosen wohin man blickt. Ding könnte Mensch oder Tier werden, Mensch sich zum Tier wandeln, alle und alles gleich gut wie böse. Die Figur im Blaugrün am Bildrand nimmt das Treiben staunend wahr. Sie sieht nicht Schrecken über Schrecken, nur unaufhörliche Bewegung, mitunter heiter, Unvereinbares verknüpfend, lösend und neu verknüpfend. Aus dem bortenschmalen Bildrand driftet Jourgebäck, auf dem die fragmentierte Figur im Blaugrün Halt fand; Bewegung auch hier.

Gutgsells Fresko befindet sich in einem Haus im Südtiroler Cornaiano / Girlan, unweit von Termeno / Tramin, wo seltsame Doppelwesen die Wände einer romanischen Kapelle beleben. Gutgsells Fresko entstand 1986. Zwanzig Jahre später wirkt es gültig wie zur Zeit seiner Entstehung. Wie weit der Weg war, den die Malerin seither gegangen ist und mit welcher Konsequenz sie sich ihm hingegeben hat, lässt sich ermessen im Vergleich dieses Freskos mit Gutgsells Arbeiten der 2000er Jahre: alle Figuren sind verschwunden, geblieben aber sind Bewegung und Metamorphose des Lebendigen.

hanna sukare, 2008

Fresko 1986